Hinsehen, was in Zehdenick tatsächlich geschieht
Ein persönlicher Beitrag von Superintendent Uwe Simon zum Predigtstreik in Zehdenick
Zwischen Sorge, Ohnmacht und Friedenssehnsucht
Über den Frieden wird in den zurückliegenden Monaten viel geredet und gestritten. Unterschiedliche Meinungen prallen dabei aufeinander.
Natürlich habe auch ich eine Meinung – nicht nur im Zusammenhang mit der Aktion der Kirchengemeinde Zehdenick. Allerdings muss ich bekennen, dass meine Gedanken und Einstellungen von einer großen inneren Zerrissenheit geprägt sind. Die Sorge um den Frieden und die Angst davor, dass er endgültig zerbricht, liegen im Streit mit dem Gefühl der Ohnmacht und dem Wunsch nach Reaktion gegenüber der Aggression, die zum Beispiel im Überfall auf die Ukraine liegt.
Ich stehe auf der Seite der Opfer und der Angegriffenen. Und dennoch – oder gerade deshalb – wünsche ich mir Frieden und Versöhnung für alle, weil es in keinem Krieg am Ende Gewinner geben kann. Ich bin entsetzt über die Angriffe der Hamas am 7. Oktober 2023 und über den Terror, der daraus spricht, aber auch hilflos angesichts der zunehmenden Gewalt und des Leides im Gazastreifen. Ich verstehe die Mahnung zur Kriegstüchtigkeit, weil wir in einer friedlosen Welt leben und von Bedrohungen umgeben sind. Und denke zugleich: Wir dürfen die Friedens- und Versöhnungsfähigkeit nicht vergessen und nicht verlernen.
Ich habe und verstehe viele Fragen. Und ich habe oft keine Antwort.
In den Friedensgebeten, die es im Kirchenkreis Oberes Havelland seit vielen Jahren gibt, kann ich meine Angst und Hilflosigkeit aussprechen und vor Gott bringen. Und das ist gut so.
Reicht das aus? Manche halten das für zu wenig.
Eine Provokation, die zum Hinsehen zwingt
So verstehe ich auch die Aktion in Zehdenick. Am Anfang steht eine Provokation. Der Begriff „Predigtstreik“ weckt Aufmerksamkeit, irritiert und löst unterschiedliche Reaktionen aus. Darüber kann man geteilter Meinung sein. Statt den Kampfbegriff „Streik“ zu wählen, hätte ich von einem Schweigen für den Frieden gesprochen. Streik will etwas erzwingen, nur von wem denn? Aber vielleicht gehört genau das zu einer prophetischen Zeichenhandlung: Sie unterbricht das Gewohnte, stört, löst Fragen aus – und bringt Menschen dazu, genauer hinzusehen.
Genau darauf kommt es mir an: hinzusehen, was in Zehdenick tatsächlich geschieht: Dort wird Gottesdienst gefeiert. Die Gemeinde bleibt nicht ohne Gottes Wort. Im Gottesdienst werden biblische Texte gelesen. Es entstehen Räume zum Hören und Nachdenken. Menschen werden in Stille und Schweigen geführt. Diese Stille ist kein leerer Raum. Sie kann helfen, anders hinzuhören, sich zu sammeln und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Was Stille hörbar machen kann
Das erlebe ich in diesen Tagen selbst auf dem Schwanberg, dem Evangelischen Kloster bei Rödelsee in Unterfranken. Auch hier gibt es Zeiten des Schweigens. Mitten in dieser Stille wird spürbar: Schweigen bedeutet nicht, dass nichts geschieht. Worte klingen nach. Gedanken werden deutlicher. Fragen treten hervor.
So verstehe ich auch das Anliegen in Zehdenick: Die biblischen Friedensworte sollen nicht sofort mit eigenen Deutungen überdeckt werden. Sie sollen Raum bekommen. Sie dürfen nachklingen und auslösen, was sie auslösen: Gedanken, Widerspruch, Hoffnung, vielleicht auch Schmerz und Verunsicherung.
Nicht übereinander, sondern miteinander reden
Und dann soll ja nicht einfach geschwiegen werden. Im Anschluss an die Gottesdienste öffnen sich Gesprächsräume. Das ist mir besonders wichtig. Es soll nicht nur über Frieden geredet werden. Es soll in Frieden miteinander gesprochen werden. Nicht übereinander, sondern miteinander. Unterschiedliche Erfahrungen, Einsichten und Haltungen sollen nicht bloß aufeinanderprallen, sondern einander begegnen.
Gleichzeitig bleibe ich bei meiner Anfrage an den Begriff „Streik“. Für mich ist „Streik“ ein Kampfbegriff. In einem Streik wird etwas verweigert, um etwas zu erreichen. Darum frage ich mich, ob dieser Begriff dem Anliegen des Friedens wirklich dient – oder ob er ihm auch im Wege stehen kann.
Vielleicht ist es deshalb gut, die Provokation des Wortes bald beiseitezulegen und auf das zu schauen, worum es im Kern geht: um ein hörendes Schweigen für den Frieden und in Frieden.
Friedensfähigkeit als Haltung
Auch wenn ich selbst am Sonntag predigen werde, nehme ich ernst, was in Zehdenick versucht wird: Die Routine wird unterbrochen, damit Bibelwort, Stille, Gebet und Gespräch Raum gewinnen.
Wenn daraus ein Raum entsteht, in dem Menschen nicht zuerst ihre Positionen gegeneinanderstellen, sondern gemeinsam hören, schweigen, fragen und miteinander sprechen, dann kann daraus etwas wachsen, was wir dringend brauchen: Friedensfähigkeit. Denn Frieden beginnt nicht erst dort, wo alle Konflikte gelöst sind. Frieden beginnt auch dort, wo Menschen bereit sind, einander zuzuhören, ihre Unterschiedlichkeit auszuhalten und gemeinsam vor Gott nach Wegen zu suchen.
Superintendent Uwe Simon
Ev. Kirchenkreis Oberes Havelland

