Zum Weltfriedenstag am 1. September
Der 1. September ist ein Tag der Erinnerung und der Mahnung. Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann 1939 der Zweite Weltkrieg. Bis heute wird dieser Tag als Antikriegstag und Weltfriedenstag begangen. Er erinnert daran, wohin Menschenverachtung, Feindbilder, Machtwille und militärische Gewalt führen können. Doch der 1. September ist nicht nur ein Blick zurück. Er stellt auch eine Frage an die Gegenwart: Wie sprechen wir heute vom Frieden?
Diese Frage nach dem Frieden ist schwerer geworden. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat Gewissheiten erschüttert. Der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 und der Krieg in Gaza haben neues Leid, neue Schuld und neue Verzweiflung sichtbar gemacht. Auch in Deutschland hat sich die Sprache verändert. Von Aufrüstung ist die Rede, von Wehrdienst, Abschreckung, Verteidigungsfähigkeit und Kriegstüchtigkeit.
Auch die Kirchen ringen um diese Fragen. Evangelische Friedensethik steht nicht außerhalb der Wirklichkeit. Sie weiß um das Leid der Angegriffenen. Sie kennt die Pflicht, Schwache zu schützen und Recht gegen Gewalt zu verteidigen. Sie weiß aber auch: Wer nur noch in den Kategorien von Bedrohung, Feind und Gegengewalt denkt, verliert etwas Entscheidendes.
In der Evangelischen Kirche in Deutschland wird diese Spannung intensiv diskutiert. Die Friedensdenkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ fragt, wie Frieden, Freiheit, Recht und Sicherheit heute zusammengehören können. Landesbischof Christian Stäblein hat mit Blick auf die Ukraine betont, Zuschauen beim Töten sei nicht einfach eine christliche Haltung; Gewalt als Schutz vor zerstörerischer Gewalt könne unter bestimmten Umständen friedensethisch relevant sein.
Die EKD-Ratsvorsitzende Bischöfin Kirsten Fehrs hat zugleich daran erinnert, Deutschland müsse „friedenstüchtig“ bleiben – auch bei allen notwendigen Anstrengungen zur Verteidigungsfähigkeit. Genau an diesem Wort hängt viel. Friedenstüchtig ist mehr als ein Gegenbegriff zu kriegstüchtig. Es beschreibt eine Haltung: Opfer schützen, Recht stärken, Angst nicht politisch ausbeuten, Feindbildern widerstehen und die Hoffnung nicht aufgeben, dass Menschen nicht für immer Feinde bleiben müssen.
Der EKD-Friedensbeauftragte Landesbischof Friedrich Kramer warnt vor einer Sprache, die den Frieden aus dem Blick verliert. Begriffe wie „Zeitenwende“ und „Kriegstüchtigkeit“ lähmten aus seiner Sicht den friedenspolitischen Diskurs. Auch das gehört zur Debatte: Schutz vor Gewalt ernst nehmen – und zugleich zivile Konfliktbearbeitung, Diplomatie, Vertrauensbildung und Friedenslogik nicht aufgeben.
Der Weltfriedenstag kann diese Fragen nicht auflösen. Aber er kann verhindern, dass sie verdrängt werden. Frieden braucht Erinnerung. Frieden braucht Recht. Frieden braucht Schutz vor Gewalt. Frieden braucht aber ebenso Geduld, Gespräch, Gewissensbildung, Gebet und die Bereitschaft, die eigene Sprache zu prüfen.
Friedenstüchtig bleiben heißt: die Opfer nicht allein lassen. Gewalt nicht verharmlosen. Verantwortung nicht verweigern. Aber auch: die Logik des Krieges nicht zur letzten Wahrheit über den Menschen machen. Christlicher Glaube hält daran fest, dass Gottes Frieden größer ist als unsere Angst. Darum bleibt die Frage des Weltfriedenstags aktuell: Wie können wir heute so sprechen, handeln und glauben, dass Frieden möglich bleibt?
Quellen und Hintergründe
Der historische Hintergrund des 1. September ist bei der Bundeszentrale für politische Bildung zusammengefasst: Am 1. September 1939 begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg.
https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/168072/1-september-1939-beginn-des-zweiten-weltkriegs/
Die EKD-Friedensdenkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ stellt die aktuelle friedensethische Debatte unter veränderten weltpolitischen Bedingungen dar.
https://www.ekd.de/friedensdenkschrift-2025-91393.htm
Landesbischof Christian Stäblein beschreibt mit Blick auf die Ukraine Gewalt als Schutz vor zerstörerischer Gewalt unter bestimmten Umständen als friedensethisch relevant.
https://www.ekd.de/about/bischof-staeblein-zuschauen-beim-toeten-ist-wie-toeten-selbst-94029.htm
Die EKD-Ratsvorsitzende Bischöfin Kirsten Fehrs formulierte zur Friedensdenkschrift: „Deutschland muss friedenstüchtig bleiben, bei allen notwendigen Anstrengungen zur Verteidigungsfähigkeit.“
https://www.ekd.de/aktuell/vorstellung-neue-friedensdenkschrift-ekd-93042.htm
Der EKD-Friedensbeauftragte Landesbischof Friedrich Kramer kritisiert Begriffe wie „Zeitenwende“ und „Kriegstüchtigkeit“ als lähmend für den friedenspolitischen Diskurs.
https://www.evangelisch.de/inhalte/238850/30-01-2025/ekd-friedensbeauftragter-kritisiert-militaristische-sprache

