Kein Platz blieb am Sonntagnachmittag in der Dorfkirche Herzfelde frei. Mit „SPIELRAUM“ endeten dort die Uckermärkischen Musikwochen – mit einem Konzert des Ensembles Bassonore, das Renaissance, Barock, Romantik und Musik des 20. Jahrhunderts nicht nacheinander präsentierte, sondern nach ihren Verbindungen fragte.
von Stefan Determann
Schon das Instrumentarium machte klar, dass dieser Nachmittag nicht entlang vertrauter Grenzen verlaufen würde. Violine, Viola, Theorbe, Fagott und Dulzian standen neben Gitarre, E-Bass und Percussion. Dazu kamen Klavier, Toy Piano, Omnichord und eine Trichtergeige – jenes eigentümliche Instrument, bei dem der Klang der Geige über einen Grammophontrichter verstärkt wird.
Zum Ensemble Bassonore gehörten an diesem Nachmittag Adrian Rovatkay an Fagott, Klavier und Toy Piano, Claudia Mende an Violine und Trichtergeige, Ildiko Ludwig mit Viola, Violine und Gesang, Thor-Harald Johnsen an Theorbe und Gitarre sowie Laura Robles mit Percussion, E-Bass und weiteren Instrumenten. Als Special Guests waren die Sirenen dabei.
Doch die ungewöhnliche Mischung war kein Selbstzweck. Unter der Konzeption von Adrian Rovatkay folgte der Nachmittag einer Idee, die schon im Titel steckte: „Spielraum“.
Gemeint war damit zunächst ganz wörtlich der Raum der Herzfelder Kirche. Die Musik kam nicht nur von vorn. Glockengeläut gehörte ebenso dazu wie Klänge aus verschiedenen Ecken des Kirchenraums. Zugleich setzte Rovatkay auch die Musikgeschichte selbst in Bewegung.
„Wir haben die Chronologie der Musikgeschichte ein bisschen außer Acht gelassen und auf andere Bezüge geachtet“, beschreibt er das Konzept. Musikalische Ideen seien eben nicht an eine Epoche gebunden. Sie tauchen immer wieder auf, werden aufgenommen, verändert und aus neuen Blickwinkeln betrachtet.
Und das ließ sich im Programm verfolgen. Josquin Desprez und John Dunstable standen neben Biagio Marini und Frescobaldi, Bach und Purcell neben Bruckner, Brahms und Richard Strauss. Mit Francis Poulenc, Christopher Lehmann und Thomas Laubach führte der Weg bis in das 20. und 21. Jahrhundert. Dazwischen: Improvisationen von Laura Robles und kleine musikalische Eingriffe von Adrian Rovatkay.
Stille und Rhythmus
Die besondere Spannung des Konzerts entstand dabei immer wieder aus dem Wechsel. Auf konzentrierte, fast fragile Passagen folgten rhythmische Ausbrüche, auf historische Klangfarben überraschend gegenwärtige Sounds. Stille wurde nicht zur Pause zwischen zwei Stücken, sondern selbst Teil der Musik.
Vor allem Henry Purcell wurde im zweiten Teil zum Ausgangspunkt für diese rhythmische Seite des Programms. Seine Musik, sagt Rovatkay, besitze Rhythmen, „die uns heute immer noch irgendwie das Tanzbein zucken lassen“.
Von dort war der Weg zu Jazz und außereuropäischen Rhythmen plötzlich gar nicht mehr weit. Percussionistin Laura Robles brachte dabei auch ihre lateinamerikanischen musikalischen Erfahrungen ein. Barock und Gegenwart standen damit nicht als Gegensätze nebeneinander. Die Übergänge ließen vielmehr hören, wie viel Gegenwart in alter Musik stecken kann.
Eine besondere Rolle spielten dabei die sogenannten „Lifts“. Das Programm beschreibt sie als kleine musikalische Impulsgeber zwischen den Stücken. Sie hielten alles im Fluss, griffen Gedanken auf und führten manchmal bewusst auf einen musikalischen Nebenweg. Teils wurden sie vom Ensemble improvisiert, teils hatte Adrian Rovatkay sie aufgeschrieben und eigens für dieses Programm arrangiert.
Das Ergebnis war kein musikalischer Rundgang mit Jahreszahlen und Epochenetiketten. Es entstand ein Netz aus Beziehungen – manches sofort hörbar, manches erst im Nachklang.
Auch etwas fürs Auge
Der Titel „Spielraum“ bekam noch eine weitere Bedeutung. Zwischen kostbaren historischen Instrumenten standen Dinge, die wie Spielzeug wirkten – und mit dem Toy Piano tatsächlich eines waren. Dazu kam das elektronische Omnichord. Daneben Claudia Mendes Trichtergeige, deren eigenwilliger, nasaler Klang ebenso auffiel wie ihre ungewöhnliche Erscheinung.
Diese Mischung aus Ernst und Spielfreude passte zu einem Programm, das große musikhistorische Fragen stellte, ohne daraus eine akademische Lehrstunde zu machen. Das Experiment erreichte sein Publikum: Die Dorfkirche Herzfelde war bis auf den letzten Platz besetzt.
Ein Festival, das die Uckermark zum Konzertsaal macht
Mit „SPIELRAUM“ ging zugleich eine weitere Ausgabe der Uckermärkischen Musikwochen zu Ende. Seit 1992 bringen sie alljährlich im Hochsommer mehr als zwanzig Konzerte in Kirchen und andere besondere Spielstätten der Uckermark. Ihr Schwerpunkt liegt auf Alter Musik, doch längst gehören Ausflüge in andere Epochen, Kulturen und musikalische Formen zum Profil des Festivals.
Gerade darin liegt eine besondere Stärke der Musikwochen. Internationale und überregionale Musikerinnen und Musiker kommen nicht nur in die größeren Städte, sondern nach Herzfelde, Temmen, Klockow, Fergitz oder Altkünkendorf. Kleine Dorfkirchen werden für einige Sommerwochen zu Konzertsälen.
Und auch das Publikum nimmt dafür Wege auf sich. Die Uckermärkischen Musikwochen haben sich längst zu einer wichtigen Kulturinstitution des uckermärkischen Sommers entwickelt, deren Strahlkraft weit über die Region hinaus bis nach Berlin reicht. Sie verbinden die Landschaft und die alten Kirchen der Uckermark mit Programmen, für die sich eine weitere Anreise lohnt.
Herzfelde war dafür am Sonntag ein ziemlich gutes Beispiel: ein kleines Dorf, eine volle Kirche – und musikalischer Spielraum über viele Jahrhunderte hinweg.
Fotos (6): Stefan Determann / KK-OHL
Ensemble Bassonore und das Konzept „SPIELRAUM“
Bassonore spielte in Herzfelde mit einer Besetzung, die historische und moderne Klangwelten miteinander verband:
Adrian Rovatkay: Fagott, Klavier, Toy Piano und Konzeption
Claudia Mende: Violine und Trichtergeige
Ildiko Ludwig: Viola, Violine und Gesang
Thor-Harald Johnsen: Theorbe und Gitarre
Laura Robles: Percussion, E-Bass u. a.
Die Sirenen: Special Guests
Zum Instrumentarium gehörten neben Violine, Viola, Theorbe und Gitarre auch Fagott, Dulzian und Quartbassdulzian sowie Trichtergeige, Klavier, Toy Piano, E-Bass, Percussion und Omnichord.
Mit „SPIELRAUM“ stellte Adrian Rovatkay die Frage nach musikalischen Verbindungen jenseits der üblichen Epochengrenzen. Ausgangspunkt waren weniger Jahreszahlen als musikalische Ideen, die über Jahrhunderte hinweg immer wiederkehren: Rhythmus, Emotion, Improvisation, Wiederholung oder das Spiel mit Stille.
Eine besondere Rolle übernahmen die „Lifts“. Das Programm beschreibt sie als kleine musikalische Impulsgeber zwischen den einzelnen Werken. Sie hielten den musikalischen Fluss in Bewegung, griffen Motive auf oder lenkten bewusst auf einen Nebenweg. Ein Teil entstand improvisiert aus dem Ensemble heraus, andere hatte Adrian Rovatkay aufgeschrieben und für das Programm arrangiert.
„Die Musikgeschichte verläuft eben nicht nur chronologisch“
Adrian Rovatkay im WochenNEWS-Gespräch über das Konzept von „SPIELRAUM“, musikalische Querverbindungen und die Lust am Experiment
Was bedeutet „Spielraum“ für dieses Konzert?
Der Begriff öffnet natürlich ganz viele Assoziationen, und wir haben das bewusst weit gefasst. Zum einen haben wir tatsächlich den ganzen Raum einbezogen – inklusive Glockengeläut, und auch aus verschiedenen Ecken der Kirche erklang immer wieder etwas.
Entscheidend war aber, dass wir die Chronologie der Musikgeschichte ein bisschen außer Acht gelassen und stattdessen nach anderen Bezügen gesucht haben. Es gibt musikalische Ideen, die schon immer wichtig waren. Die ziehen sich durch die Jahrhunderte, werden wieder aufgenommen und neu betrachtet. Genau diese Verbindungen wollten wir hörbar machen.
Deshalb stehen in dem Programm mittelalterliche und barocke Musik neben Bruckner, Brahms, Poulenc und ganz neuen Klängen?
Genau. Es ging darum, ein Netzwerk verschiedener Einflüsse entstehen zu lassen, aus dem wir mit viel Lust und Begeisterung schöpfen können. Das sollte aber nicht einfach ein zufälliger Assoziationsprozess sein. Vieles bezieht sich tatsächlich aufeinander.
Die kleinen Verbindungselemente – unsere „Lifts“ – greifen solche Fährten auf. Manchmal führen sie etwas weiter, manchmal lenken sie noch einmal in einen anderen Blickwinkel. Dadurch bleibt das Ganze offen, ohne beliebig zu werden.
Im zweiten Teil bekommt der Rhythmus immer mehr Gewicht. Welche Rolle spielt dabei Henry Purcell?
Purcell hatte schon zu seiner Zeit unglaublich aktuelle Rhythmen. Da gibt es Stellen, bei denen uns heute immer noch das Tanzbein zucken kann. Von da aus war der Schritt zu Jazz und anderen rhythmischen Formen gar nicht mehr besonders groß.
Und mit Laura Robles haben wir eine großartige Percussionistin dabei, die aus Lateinamerika stammt und noch einmal ganz andere Einflüsse mitbringt. Dadurch kommen zusätzliche Farben und Ideen hinein.
Auch optisch war das Instrumentarium ungewöhnlich: historische Instrumente neben Toy Piano, Omnichord und Trichtergeige. Gehört auch das zum Spielraum?
Unbedingt. Wir hatten wirklich Spielzeug dabei – ganz klar beim Toy Piano. Aber auch das Omnichord hat mit seinen Knöpfen fast etwas von einem Spielzeug. Gleichzeitig stehen daneben historische Instrumente, die echte Raritäten sind.
Die Trichtergeige ist dafür ein schönes Beispiel. Sie sieht ungewöhnlich aus und klingt erstaunlich nasal und eher leise. Aber man kann mit ihr wiederum Effekte erzeugen, die mit einer normalen Geige nicht möglich wären.
Genau das macht für mich diesen Spielraum aus: Dinge nebeneinanderzustellen, die zunächst vielleicht gar nicht zusammengehören, und dann zu entdecken, welche Beziehungen plötzlich entstehen.
Adrian Rovatkay
Ensemble Bassonore

